Quelle: Kazerne Dossin
Am 1. Juni 1938, genau heute vor 88 Jahren, nahm das Leben des Zistersdorfers Kurt Brück eine dramatische Wendung. Es war zugleich sein 40. Geburtstag, als der jüdische Buchdrucker von der Geheimen Staatspolizei (GESTAPO) in sogenannte „Schutzhaft“ genommen wurde. Am 24. Juni 1938 erfolgte seine Überstellung in das Anhaltelager Buchenwald in Deutschland.
Kurt Brück wurde am 1. Juni 1898 in Wien geboren. Sein Vater, Dr. Ludwig Brück, war Rechtsanwalt in Zistersdorf. Kurt Brück hatte insgesamt sieben Geschwister. Anfangs betrieb er gemeinsam mit seinem Bruder Erich in der Schlossgasse 2 eine Buchdruckerei. Später war er alleiniger Inhaber des Betriebes, nachdem sein Bruder nach Amerika ausgewandert war.
Die Räumlichkeiten der Druckerei hatte er vom Sägewerksbesitzer Johann Kramer gepachtet. Das Gebäude, in dem sich der Betrieb befand, existiert heute nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich das Notariat Kiem-Lamberg. Kurt Brück wohnte in der Kaiserstraße 6. Auch dieses Haus besteht nicht mehr; später wurde dort jenes Gebäude errichtet, in dem heute die Glaserei Frank untergebracht ist.
Die Buchdruckerei Kurt Brück war in der Schlossgasse 2 (mittleres Gebäude) untergebracht. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme um 1963 existierte sie allerdings schon lange nicht mehr. Quelle: Topothek
Eine Rechnung von der Buchdruckerei Kurt Brück, ausgestellt am 25. März 1938. Quelle: Topothek
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 geriet die politische Situation rasch außer Kontrolle. Zistersdorf gehörte aufgrund seiner unmittelbaren Nähe zur damaligen Tschechoslowakei bereits vor der Herbstkrise 1938 zu den politisch besonders sensiblen Grenzgebieten, in denen Juden der Aufenthalt untersagt wurde. Kurt Brück bemühte sich daher, sein Geschäft zu verkaufen, doch seine Verhaftung kam diesem Vorhaben zuvor.
Für die Arisierung und Liquidierung des Betriebes bestellte das Bezirksgericht Zistersdorf den Rechtsanwalt Dr. Ludwig Dangl zum Treuhänder. Er übernahm die Abwicklung und stellte die notwendigen Ansuchen zur Genehmigung der Veräußerung. Der Wert des Unternehmens wurde auf 7.000 Reichsmark geschätzt.
Franz Binder, Besitzer einer Papier-, Buch- und Schreibwarenhandlung in Zistersdorf und Parteianwärter der NSDAP, richtete umgehend ein Ansuchen an die zuständige Vermögensverkehrsstelle, um den Betrieb erwerben zu können. Aufgrund seiner politischen Zuverlässigkeit erhielt er 1939 die Genehmigung zum Kauf. Von den 7.000 Reichsmark erhielt Kurt Brück jedoch keinen einzigen Pfennig.
Nach seiner Verhaftung wurde Kurt Brück zunächst im Anhaltelager Buchenwald festgehalten. Am 23. September 1938 erfolgte seine Deportation in das Konzentrationslager Dachau, wo er im Block 18, Stube 1, interniert war.
Seine Schwester Hedwig setzte sich von Beginn an mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für seine Freilassung ein. Schließlich erklärte sich die GESTAPO bereit, ihn unter bestimmten Bedingungen zu entlassen: Sämtliche Schulden und Abgaben mussten durch die Liquidierung seines Betriebes beglichen werden, außerdem war eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorzulegen.
Nach seiner Entlassung am 21. April 1939 gelang Kurt Brück die Flucht in die Niederlande. Da er das Deutsche Reich verlassen hatte, wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt und sein Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Bekannte Aufenthaltsorte waren dann Sluis in den Niederlanden und Brügge und Yvoir in Belgien.
Inhaftierungsdokument des KZ Buchenwalds
Quelle: Arolsen Archives, Bad Arolsen, Dokument zu Kurt Brück, Signatur 01010503 001.058.173
Ansuchen Hedwig Brücks für die Unterfertigung der Vollmacht durch Kurt Brück an das KZ Buchenwald
Quelle: Arolsen Archives, Bad Arolsen, Dokument zu Kurt Brück, Signatur 01010503 001.058.173
Inhaftierungsdokument des KZ Buchenwalds
Quelle: Arolsen Archives, Bad Arolsen, Dokument zu Kurt Brück, Signatur 01010503 001.058.173
Kurt Brücks Name auf der Liste des Transports XIV vom SS-Sammellager Mecheln ins KZ Auschwitz
Quelle: Kazerne Dossin
Mit dem deutschen Angriff auf die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg am 10. Mai 1940 waren jedoch auch diese Länder für jüdische Flüchtlinge nicht mehr sicher. Im Jahr 1942 wurde Kurt Brück erneut verhaftet. Am 24. Oktober 1942 wurde er mit dem Transport XIV vom SS-Sammellager Mecheln in Belgien in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
Für diesen Transport waren 997 Personen registriert – 437 Männer und Buben und 560 Frauen und Mädchen. Als der Zug am 26. Oktober 1942 Auschwitz erreichte, wurde rund ein Drittel der Personen zur Zwangsarbeit ausgewählt und überlebten zunächst. Die verbleibenden Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.
Ob Kurt Brück für die Zwangsarbeit ausgewählt wurde oder gleich nach der Ankunft ermordet wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Kurt Brück überlebte die Shoah nicht.
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Zistersdorf 13 jüdische Familien. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft kehrte niemand von ihnen dauerhaft nach Zistersdorf zurück.
Die Namen aller aus Österreich stammenden Opfer der Shoah sind heute auf den Gedenktafeln der Namensmauer der Shoah-Gedenkstätte im Ostarrichi-Park vor der Österreichischen Nationalbank in Wien verzeichnet. Auch der Name Kurt Brück findet sich dort.
Sein Schicksal steht stellvertretend für die Entrechtung, Enteignung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Österreichs.
Niemals vergessen.
Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich | Fotos: Karina Goldmann
Quellen:
Gaida, Thomas. 2014. »… Die Bewilligung zur Zwangsentjudung erteilt«. Wien: Mandelbaum Verlag.
Höfler, Ida Olga. 2015. Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848 – 1938/45. Strasshof: Pilum Literatur Verlag.
Ward Adriaens, Dr. Maxime Steinberg, Ds. Laurence Schram, Patricia Ramet, Eric Hautermann, Ilse Marquenie. 2009. Mecheln – Auschwitz 1942 – 1944. Brüssel: VUBPRESS Brussels University Press.











